Nahost-Konflikt: Chef des Lehrerverbands fordert: „Schulen dürfen diesen Konflikt nicht verschweigen“

Die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten sorgen auch an deutschen Schulen für Unruhe und Auseinandersetzungen. Die Zahl der antisemitischen Vorfälle steigt. Gerhard Brand, Präsident des Verbands Erziehung und Wissenschaft*, warnt davor, Lehrkräfte allein zu lassen.

Herr Brand, sind deutsche Schulen mit dem Nahost-Konflikt überfordert?

Antisemitismus war an unseren Schulen schon immer ein Thema. Auch vor den jüngsten Vorfällen im Nahen Osten gab es antisemitische Tendenzen an Schulen, allerdings in geringer Zahl. Es war latent vorhanden, stand aber nie im Vordergrund. Gleichzeitig war die Shoah aufgrund unserer Geschichte auch immer Teil des Lehrplans. 

Hat es in den vergangenen drei Wochen eine Häufung antisemitischer Vorfälle gegeben?

Wir bekommen tatsächlich mehr Meldungen, aber es sind immer noch wenige im Vergleich zur derzeitigen gesellschaftlichen Gesamtlage. Vielleicht ist es jetzt eine pro Woche, früher war es eine pro Monat. Allerdings kann das auch daran liegen, dass Schulen nicht stolz auf solche Vorfälle sind. Deshalb melden sie nicht jeden sondern versuchen, das vor Ort zu lösen. 

Gerhard Braun ist Präsident des Bundesverbands Bildung und Erziehung
Gerhard Braun ist Präsident des Bundesverbands Bildung und Erziehung
© VBE

Von welcher Art von Vorfällen hören Sie?

Oft sind es Kinder und Jugendliche, die nicht reflektieren, was sie sagen. Die machen dann Sprüche, die sie von Erwachsenen aufgeschnappt haben. Manche tun es auch, um zu provozieren. Aber sie machen sich nicht klar, was sie damit bei den Betroffenen auslösen. Da ist es Aufgabe der Schulen, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Tun das die Schulen genug?

Ich sage Ihnen ganz klar: Wenn Antisemitismus kein Problem in unserer Gesellschaft wäre, gäbe es derartige Vorfälle auch an den Schulen nicht. Antisemitismus entsteht nicht in der Schule, er wird aus der Gesellschaft in die Schulen hineingetragen. Ich warne hier vor einer Ursachenumkehr.

„Wir brauchen eine Meldepflicht“

Wie könnten Schulen in ihrem Kampf gegen Antisemitismus besser unterstützt werden?

Wir brauchen eine einheitliche Meldepflicht. Nur dann lässt sich beantworten, wie viel Antisemitismus es an unseren Schulen gibt. Dafür müsste klar definiert werden, was Antisemitismus ist. Das könnte eine Fachgruppe von Experten und Expertinnen erarbeiten und dann von der Kultusministerkonferenz beschlossen werden. Momentan muss jede Schule selbst entscheiden, was sie als antisemitischen Vorfall einstuft.Paid Juden

Ein häufiger Spruch auf deutschen Schulhöfen ist „Du Jude“ als Beleidigung. Wie würden Sie das kategorisieren?

Das ist für mich Antisemitismus, weil es eindeutig der Abwertung dient. Es wäre wichtig, in solchen Fällen mit dem Schüler zu sprechen, der diese Formulierung als Provokation nutzt. Es muss ihm klargemacht werden, was er da gesagt hat.

Viele Eltern berichten, dass im Unterricht ihrer Kinder nicht über den Nahost-Konflikt gesprochen wird. 

Schulen dürfen diesen Konflikt nicht verschweigen. Sie haben die Aufgabe, „das Leben da draußen“ widerzuspiegeln und zu erklären. Das gilt für den Ukraine-Krieg wie auch für den Konflikt zwischen Israel und der Hamas. Die Kinder bekommen ja mit, wenn die Eltern Nachrichten schauen und sich darüber unterhalten. Wenn man sie damit alleine lässt, überfordert sie das. Es ist die Aufgabe der Schule, das in die Schule zu holen und zu besprechen.

Viele Landesregierungen haben Handreichungen zum Nahost-Konflikt und zu Antisemitismus herausgegeben. Reicht das?

Das ist gut, aber Material allein reicht nicht. Um solche Konflikte in der Schule zu besprechen, braucht man Zeit. Man muss solche Stunden ja didaktisch vorbereiten. Im Alltag sind Lehrkräfte aber ohnehin oft schon sehr belastet. 

Manche Lehrer sagen privat offen, dass sie keine Auseinandersetzung mit muslimischen Schülern in ihren Klassen riskieren wollen. 

Ich höre das glücklicherweise nicht oft, aber es kommt vor. Da muss es Hilfesysteme geben: Durch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, durch Expertinnen und Experten für politische Bildung, die an die Schulen kommen könnten. Lehrkräfte können nicht allein alle Konflikte der Welt erklären. Und wir müssen uns klarmachen: Je nach politischem oder religiösem Hintergrund des Kindes, hört es zuhause eine völlig andere Version als in der Schule. Dann befindet es sich in einem inneren Konflikt. Dabei darf man es nicht allein lassen. Aber dafür brauchen wir ausreichend Personal. Wir können den Kindern nicht vorschreiben, was sie denken sollen, aber wir können aufklären und sie begleiten.

JüdischesLeben

„Friedrich Merz hat das Problem übersimplifiziert“

Bayern hat gerade den Besuch in einem Konzentrationslager zur Pflicht für alle Schüler gemacht. Sollten alle Bundesländer nachziehen?

Ich würde jeder Schule empfehlen, ein KZ zu besuchen oder Zeitzeugen einzuladen. Ich habe erlebt, dass selbst renitente Klassen ganz still werden, wenn eine jüdische Mutter erzählt, dass sie bei der Selektion sagte, ihr Kind sei nicht belastbar, um es zu schützen. Und dieses dann in die Gaskammer geschickt wurde. Zur Pflicht würde ich KZ-Besuche aber nicht machen, das müssen die Schulen am Ende selbst entscheiden.  An manchen ist aufgrund des akuten Lehrkräftemangels überhaupt nicht ausreichend Personal für so etwas vorhanden. 

CDU-Chef Friedrich Merz hat unlängst auf dem Kurznachrichtendienst X gewarnt, dass zu viele Kinder nicht gut genug Deutsch sprächen und  es daher in den Schulen schwer sei, für alle Kinder ein ausreichendes Bildungsniveau zu erreichen. Hat er Recht?

Friedrich Merz hat das Problem völlig übersimplifiziert. Es ist Unsinn zu sagen: Wenn wir diese Kinder nicht an den Schulen hätten, wäre alles gut. Sie sind da und es werden weitere aus gutem Grund kommen. Natürlich ist es für Schulen eine große Herausforderung, wenn sie – wie in manchen Fällen – einen Ausländeranteil von über 90 Prozent haben und Schülerinnen und Schüler aus 30 verschiedenen Nationen. Diese Schulen müssen eine bessere Ausstattung und ausreichend Personal bekommen. Das könnte Friedrich Merz fordern, wenn er das Problem ernstnehmen würde.

*Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist die größte Fachgewerkschaft innerhalb des Deutschen Beamtenbundes. Ihm gehören rund 164.000 Mitglieder, die meisten davon Erzieher und Lehrer an Grund-, Haupt-, Real-, Förder- und Gesamtschulen an..

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