Wer Professorin Lamia Messari-Becker an diesem Abend bei „Anne Will“ zuhörte, durfte feststellen: Es gibt noch Hoffnung fürs Klima und seine Ziele. Die Realität jedoch – Hallo, Berlin! – sie sträubt sich.
Weltweit sei eine sehr drastische Reduzierung des CO2-Ausstoßes noch in diesem Jahr nötig, um das angestrebte Ziel einer begrenzten Erderwärmung von maximal 1,5 Grad zu erreichen. Über die Maßnahmen jedoch liegt die Bundesregierung chronisch im Clinch. Während Vizekanzler Habeck für sein angedachtes Verbot des Einbaus von herkömmlichen Öl- und Gasheizungen in der Kritik steht, kontert Verkehrsminister Volker Wissing mit der Entscheidung, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor auch nach 2035 neu zuzulassen, wenn sie denn ausschließlich CO2-neutrale Kraftstoffe tanken.STERN PAID 13_23 Energiewende Wasserstoff18.45
Und in Berlin scheiterte die Abstimmung über den Volksentscheid „Berlin 2030 klimaneutral“. Bei „Anne Will“ taten sich Perspektiven auf, während zur selben Zeit in der Hauptstadt hinter verschlossenen Türen weitergestritten wurde.
Zu Gast bei „Anne Will“ waren:
- Konstantin Kuhle (Bundestagsabgeordneter für die FPD)
- Jürgen Trittin (Bundestagsabgeordneter der Grünen und ehemaliger Umweltminister)
- Jens Spahn (Bundestagsabgeordneter der CDU und ehemaliger Gesundheitsminister)
- Lamia Messari-Becker (Professorin für Bauingenieurwesen an der Uni Siegen)
- Petra Pinzler (Berlin-Korrespondentin der „Zeit“)
„Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet“, so kommentierte Petra Pinzler von der „Zeit“ das Ansinnen Wissings, sein vermeintlicher Sieg mit Blick auf das von der EU beschlossene Verbrenner-Aus womöglich doch nur einer Marke Pyrrhus. Während Jürgen Trittin extra-sonor das „Ende einer Hängepartie“ heraufbeschwor, nach der es jetzt gälte, den Nachholbedarf anzugehen, Konstantin Kuhle vom Weiterbestand einer „Technologie für den Klimaschutz“ sprach, griff Jens Spahn rhetorisch in die Mottenkiste: „Ich bin der festen Überzeugung …“ – wenn Sätze beim Ex-Gesundheitsminister mit dieser Floskel anfangen, ist Vorsicht geboten, oder zumindest eine Armlänge Distanz. 2035 werde es immer noch Verbrennungsmotoren geben, so der festüberzeugte Spahn, denn keiner wüsste, wie der Stand der Technologie in 10 bis 15 Jahren aussieht, er habe jedoch „große Zuversicht in die Ingenieure“.
„Die Weichen für eine Wärmewende wurden vor 30 Jahren nicht gestellt“
Während das männliche Dreigestirn in dieser Sendung zwischen Sprit-Subventionierung für die Lieblingsautos von Christian Lindner, dem Blick nach China und dem Für und Wider von eFuels kreiselte, ging es bei Petra Pinzler und Lamia Messari-Becker um einiges konkreter zur Sache, Stichwort Finger in die Wunde. Ein großer Fehler der Energiewende sei die stromfokussierte Denkweise. Und die Uhr tickt: „Die Weichen für eine Wärmewende wurden vor 30 Jahren nicht gestellt“, so Messari-Becker. Es werde nicht reichen, nur mit Strom zu agieren. Es gäbe keine Optionen, am Ende würden die Ziele „durch einen engen Flaschenhals“ gedrückt, die Preise ebenso wie die Fördergelder steigen.
Für Petra Pinzler liegt es auch am Tempo, man müsse „schnell machen“, weil Merkel und Seehofer („Hat da nichts getan“) es verschlafen hätten. Während die Ampelkoalition zum Zeitpunkt der Sendung im Kanzleramt hinter verschlossenen Türen um die geschlossene Klimalinie rang, nannte Messari-Becker Zahlen, die noch einmal klarmachten, wie schwierig die Entscheidungslage eigentlich ist. In 30 Jahren wurden die Emissionen im Gebäudesektor etwa um 40 Prozent reduziert (im Verkehr nur um 1 Prozent), noch einmal 40 Prozent sollen es in den kommenden sieben Jahren sein. Das klingt mehr als sportlich Die Aussicht? „Es wird am Ende teuer und hart.“FS Klimajahr 2022 20.53
Eine Alternative zur jetzigen Politik? „Wir brauchen eine klimaschutzorientierte Finanzpolitik“, so Messari-Becker. Bürger müssen an den Planungsprozessen beteiligt werden. Länder wie Dänemark, Schweden und die Niederlande machten es vor. In Deutschland dagegen würde so etwas wie der angestrebte Heizungsumbau schon mal private Investitionen von 80. bis 150.000 Euro nötig machen, wohlgemerkt für Hausbesitzer, die oftmals bereits im Rentenalter sind. Die Folge seien soziale Härten ohne echten Klimaschutz, dabei gäbe es ja Alternativen, etwa bei der Kombination von Photovoltaik und kleinen Wärmepumpen-Anlagen.
Warum kriegt die Koalition es nicht hin?
„Das Ganze muss als Innovationsprojekt diskutiert werden“, so Petra Pinzler, momentan handle man vornehmlich nach der Devise, bei Problemen die Augen zu verschließen. Für die Koalition sei das im Grunde doch so eine tolle Chance, wobei die Frage nach wie vor lautet: „Warum kriegen die es nicht hin?“
Am Ende merkte Konstantin Kuhle an, dass das „obsessive Abarbeiten an Volker Wissing nichts zur Sache tut“, dabei war Wissing im Verlauf der Sendung doch eigentlich gar kein Thema mehr. Immerhin, so Trittin versöhnlich, haben er und Kuhle sich diesmal nicht so doll gestritten. Ein homöopathisch dosiertes Happy End dieser Sendung. Immerhin.
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