Shitstorm: Ich bin riesiger Winnetou-Fan und liebe die Karl-May-Festspiele. Und das wird auch so bleiben

Linnea ist 14 und liebt die Winnetou-Geschichten von Karl May. Und sie möchte auf die Lektüre und den Besuch in Bad Segeberg nicht verzichten. Hier erklärt sie, warum.  

Mein erster Kontakt mit der Welt von Winnetou war mit fünf. Damals erzählte mir mein Vater von dem fiktiven Indianerhäuptling, und ich wusste sofort: Diesen Film wollte ich sehen. Dann den nächsten und den nächsten … es ging immer so weiter. Meine Liebe zu den Blutsbrüdern Winnetou und Old Shatterhand war geboren. Sobald ich lesen konnte, machte ich mich an die uralten Karl-May-Ausgaben meines Vaters. Die Schrift war so klein, dass ich sie nur mühsam und langsam lesen konnte, aber selbst das schreckte mich nicht ab.  Ich liebe die Fantasiewelt von Karl May. Für meine Begeisterung ist es wichtig zu verstehen, dass sie genau das für mich ist: eine Fantasiewelt. Genau deshalb verstehe ich die Kritik an seinen Werken nicht. Karl May hat nie die Realität abgebildet, das ist heute hinlänglich bekannt. Und doch hat sich der Held meiner Kindheit nun einen Shitstorm eingefangen. Manche Kritiker werfen ihm sogar Rassismus vor.

Karl May romantisiere den Genozid der amerikanischen Ureinwohner, schreiben sie, zum Beispiel auf Twitter. Vor allem der neue Kinderfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ sorgte für Aufregung. Der Film sei voller Klischees und verharmlose die Gewalt, die die indigene Bevölkerung durch die weißen Siedler erlitten. Diese Kritik führte dazu, dass der Ravensburger Verlag die Veröffentlichung der dazu gehörenden Kinderbücher zurückzog.

Ich muss ganz offen sagen: Ich verstehe diese Kritik in Bezug auf die Welt Karl Mays nicht.

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Karl May war ein großer Schriftsteller, kein Rassist 

Ich kann nicht beurteilen, ob und wie sich indigene Menschen durch Karl Mays Fantasiewelten diskriminiert fühlen. Aber in den vergangenen Tagen haben sich mehrere geäußert, unter anderem hier beim stern – beispielsweise Kendall Old Elk. Er sagt, er hätte sich gewünscht, Herr May hätte besser recherchiert: „Er wollte einen Helden erschaffen, das ist okay, aber es war ohne Hintergrundrecherche. Würden etwa die Deutschen glücklich damit sein, dass man sie nach dem Bild bewertet, das die Welt in den 1930ern oder 1940ern hatte?“

Solch eine Perspektive hilft natürlich auch mir als Karl-May-Fan zu verstehen, warum Mays Fiktion von Betroffenen kritisch gesehen werden kann. Diese fiktive Welt beurteile ich als Leserin aber anders. Für mich ist Karl May ein großer Schriftsteller, aber kein Rassist. Im Gegenteil. 

May kritisiert Völkermord und Verdrängung

Karl May selbst war nie zu der Zeit der Vertreibung und des Genozids der indigenen Bevölkerung in den USA. Seine Bücher schrieb er hauptsächlich mithilfe der Erzählungen anderer und seiner überbordenden Fantasie. In seinen Büchern habe ich viele Stellen gefunden, an denen er Völkermord und Verdrängung kritisiert. Fast immer beschreibt May weiße Menschen in seinen Geschichten als die Bösen.

Meine Sicht auf die Romane unterstützt auch der Literaturwissenschaftler Helmut Schmiedt: „Karl May war kein Rassist und kein Antisemit“. Und er sagt auch, dass May sich intensiv mit den Quellen beschäftigt hat: „Aber May hat sich schon einiges zurechtgebogen. Ich bin aber der Meinung, Schriftsteller dürfen so etwas, sie produzieren Fantasien und keine wissenschaftlichen Arbeiten.“

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Die Kritik an den Festspielen ist übertrieben 

Auch die Kritik an den Karl-May-Festspielen verstehe ich nicht. Niemand will doch dort die Traditionen indigener Menschen ins Lächerliche ziehen – denn es geht bei dem Theater um die fiktive Welt des Karl May, nicht um Realität.

Ich war insgesamt schon zehn Mal auf den Festspielen, auch in diesem Jahr. Ich liebe diese Festspiele. Ganz egal, wo auf der Welt ich gerade wäre – dafür würde ich immer anreisen. Jeder, der sich die Festspiele angeschaut hat, weiß, wie viel zwischen den Zeilen erzählt wird und dass sich die Macher selbst nicht zu ernst nehmen. Immer wieder gibt es in dieser fiktiven Welt Anspielungen auf die Gegenwart, mittlerweile sogar auf den Klimawandel. Diese Anspielungen zeigen, dass die Produzenten nicht so tun, als würden sie die Vergangenheit nachspielen. Sie interpretieren lediglich ein Buch auf moderne Art und formen es zu einem Theaterstück.

Mich jedenfalls zieht die Veranstaltung jedes Mal wieder in den Bann, deshalb steht für mich fest: Ich werde weiterhin nach Bad Segeberg fahren, um die aufregenden Geschichten der Figuren Winnetou und Old Shatterhand mitzuerleben. So, wie ich es auch die vergangenen acht Jahre meines Lebens getan habe. Und ich würde jedem empfehlen, die Bücher selbst zu lesen.

Dieser Artikel wurde um Zitate aus Interviews zu dem Thema ergänzt.

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