Es sollte die dritte Fußball-EM für Alexandra Popp sein und doch ist es wegen Verletzungen ihre erste. Kaum zu glauben, wie die DFB-Kapitänin aufdreht. Im Finale fällt sie aufgrund muskulärer Probleme aus.
So ganz scheint Alexandra Popp es selbst nicht fassen zu können, was sie mit dem DFB-Team erreicht hat. „Natürlich macht mich das sehr glücklich und stolz, dass ich diese Möglichkeiten überhaupt bekomme, diese Bälle zu versenken. Dass ich es geschafft habe, zusammen mit dem Trainerteam in den letzten Wochen, wieder genau dahin zu kommen,“ sagt sie nach Abpfiff des EM-Halbfinals gegen Frankreich der DPA.
Popp hat mit sechs Toren in fünf Spielen maßgeblichen Anteil am Finaleinzug der Deutschen, dabei wäre die 31-Jährige beinahe für diese Turnier ausgefallen – wenn es nicht verschoben worden wäre.
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Mehrere Europameisterschaften verpasst
Ihre Leidensgeschichte ist lang. 2013 opferte sie ihre mögliche EM-Teilnahme, als sie mit einem Bänderriss im Sprunggelenk im Champions-League-Finale auflief. Kurz vor der EM 2017 in den Niederlanden zog sie sich in einem Trainingsspiel einen Meniskusriss und eine Außenbanddehnung im linken Knie zu. Bei der WM 2019 in Frankreich ist Popp zwar dabei, doch das DFB-Team fliegt im Viertelfinale gegen Schweden raus. Im „Kicker“ zieht Popp wenig später selbstkritisch Bilanz: „Vielleicht hätte ich in der einen oder anderen Situation mehr den Mund aufmachen können.“ 2021 muss sie wegen einer Knorpelverletzung im Knie und zwei anschließenden Operationen zehn Monate pausieren. In der Reha treibt sie der Gedanke an: „Ich habe noch keine verdammte EM gespielt, und ich will diese EM jetzt spielen.“ Doch wäre die EM nicht wegen Corona auf 2022 verschoben worden – Popp hätte auch dieses Turnier verpasst. In der Vorbereitung in Herzogenaurach erwischte sie zudem noch Corona.DFB Frauen Halbfinale FS 23.30
Vielleicht war einfach nicht damit zu rechnen, dass mit Popp bei dieser EM zu rechnen ist. Kommt eine 31-Jährige nach so langer Verletzungspause zurück auf Spitzenniveau? Popp hat es allen gezeigt und viele überrascht – womöglich sogar sich selbst. Sie wollte diese EM unbedingt spielen. Nun macht sie dieses Turnier zu ihrem Turnier. Bei ihrem ersten EM-Tor, dem 4:0 gegen Dänemark, schien die 31-Jährige selbst nicht ganz fassen zu können, dass ihr der Treffer geglückt war. Es folgte das 2:0 gegen Spanien, das 2:0 gegen Finnland sowie das 2:0 gegen Österreich. Und nun im Halbfinale beide Tore gegen Frankreich – eines per Fuß, eines per Kopf.
Alexandra Popp trifft und genießt
Und doch haben die Verletzungen etwas geändert für Popp: „Man hat’s ja bei meinem allerersten Tor hier gesehen, aber auch in den anderen Spielen, dass ich doch ein Stück weit emotionaler bin als ich vielleicht sonst immer war. Ich weiß natürlich, was ich für einen Weg hinter mir gelassen habe“, sagte Popp nach dem Halbfinale. „Dann hier zu stehen und die Möglichkeit zu haben, so zu performen, Gott sei Dank im richtigen Moment auch fit zu sein – das macht mich natürlich sehr, sehr stolz. Da muss ich auch einen ganz, ganz großen Dank an alle richten, die mit mir diesen Weg gegangen sind. Ich bin unfassbar glücklich, dass ich hier spielen darf und dass wir es ins Finale geschafft haben.“
Popp war schon als Kind fußballbegeistert und musste sich oft mit Jungs messen. In ihrer Jugend schnürte sie für den FC Silschede und den 1. FFC Recklinghausen die Fußballschuhe. Mit 18 feierte sie für den MSV Duisburg ihr Debüt in der Frauen-Bundesliga. 2012 wechselte sie zum VfL Wolfsburg – und konnte seitdem sieben Meisterschaften und neun Pokalsiege feiern. 2019 sagte sie dem „Kicker“, ihr „grober Plan“ sei es, 2022 ihre Karriere zu beenden, eine Familie zu gründen und ein Kind zu bekommen. Den Grundstein für eine mögliche Karriere abseits des Fußballs hat sie jedenfalls schon gelegt: 2015 beendete sie erfolgreich ihre Ausbildung zur staatlich geprüften Zootierpflegerin.
Im Wembley-Stadion geht es am Sonntag gegen die Gastgeberinnen aus England. Popp wird nicht müde, die Rolle des Teams auf dem Weg ins EM-Finale hervorzuheben. „Ich bin ein wenig sprachlos, um ehrlich zu sein. Ich bin unglaublich stolz, was wir wieder auf den Platz gebracht haben – mit unfassbarer Energie, mit einer Defensivarbeit, die echt brutal war“, sagt Popp. Lob bekommt sie aber auch von den Team-Kolleginnen zurück: „Sie steckt uns alle mit ihrer Leidenschaft an“, sagte kürzlich Mittelfeldspielerin Lena Magull.
Popp spielt in Wolfsburg
Mehr als zehn Jahre spielt Popp inzwischen für den VfL Wolfsburg, 119 Spiele als Nationalspielerin und Olympia-Gold 2016 stehen trotz ihrer Verletzungen zu Buche. „Um ehrlich zu sein, habe ich das Gefühl, dass ich das alles gerade viel, viel mehr erlebe. Die Momente viel mehr genieße. Und – ja – den Fußball selbst noch mehr schätze als zuvor. Wieder hier stehen zu können, das schätze ich unglaublich.“
Das Finale muss das DFB-Team allerdings ohne Alex Popp spielen: Die Stürmerin ist kurzfristig wegen muskulärer Probleme ausgefallen.
Weitere Quellen: DPA, Profil von Alexandra Popp auf „Kicker.de“, Interview im „Kicker“, Sport1.de, „Focus Online“, „NDR.de“.