EM 2021 : Der heimliche Held der Engländer: Wie Kalvin Phillips trotz widriger Umstände zum Fußballstar wurde

Das erste Mal seit der WM 1966 darf Englands Nationalmannschaft wieder von einem Titel träumen. Kalvin Phillips spielt erst seit einer Saison in der Premier League – und hat sich trotz widrigster Umstände zum Fußballstar gekämpft.

Im Halbfinale der EM 2021 schoss der Mannschaftskapitän Harry Kane dank eines Elfmeters das englische Team ins Finale. Das erste Mal seit der WM 1966 darf sich England also wieder auf einen Titel freuen. Kane wird im eigenen Land dabei gefeiert wie ein Held.

Doch es gibt noch einen heimlichen Superstar in der englischen Nationalmannschaft, einen „Working Class Hero“, wie sie Aufsteiger aus der Arbeiterklasse dort nennen: Kalvin Phillips. Immer wieder erzählt der 25-jährige defensive Mittelfeldspieler von seiner schwierigen Kindheit, mit Gratisessen, einer hungernden Mutter und einem Vater, der immer wieder im Gefängnis landet.

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Seine Mutter verzichtete auf das Abendessen

Phillips ist der Sohn eines jamaikanischen Vaters und einer irischen Mutter. Sein Vater bekam schon im Alter von 13 Jahren sein erstes Kind, eine Tochter, zu der Phillips ein gutes Verhältnis hat. Später lernte er Lindsay Crosby, die Mutter des englischen Nationalspielers, kennen. Was dann folgte war eine On-off-Beziehung mit Gefängnisaufenthalten: „Er hatte einen schlechten Umgang. Drogen, Schlägereien – alles, was einem so einfällt.“ Immer wieder sei er zur Familie zurückgekehrt, doch dann sei das Ganze wieder von vorne losgegangen, erzählt Phillips im Interview mir der „Times“. Heute sitzt der Vater wieder im Gefängnis.

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Seine Mutter, Lindsay Crosby, hatte zwei Jobs, um die Familie ernähren zu können. Sie lebten in einem kleinen Haus, Phillips und sein Bruder schliefen in einem Zimmer in Etagenbetten, seine beiden Schwestern im anderen Zimmer und die Mutter auf dem Sofa. Der Leeds-Kicker war in seinen Jugendtagen auf Gratis-Essen in der Schule angewiesen.

„Ich sah Kinder, die mit Lunchpaketen kamen, mit Sandwiches und Schokoriegeln. Einige Kinder lachten mich aus und sagten: ‚Du bekommst kostenloses Schulessen.‘ Ich kam nach Hause und fragte: ‚Mama, warum kann ich kein Lunchpaket haben?‘ ‚Wir können es uns nicht leisten‘, erklärte meine Mutter. Es gab Zeiten, in denen meine Mutter nachts nichts gegessen hat, damit wir essen können“, so der Fußballer. Seine Oma Val beteiligte sich immer mal wieder, um die Familie ernähren zu können. Sie war sein großes Vorbild.

Seine Oma war sein größter Fan

Oma Val war Phillips größter Fan und habe eine große Rolle in seiner Erziehung gespielt, wie er der „Times“ erzählt. Als Gareth Southgate im Sommer 2020 bei ihm anrief, um ihn für die englische Nationalmannschaft zu nominieren, sei sie ganz aus dem Häuschen gewesen. Damals hatte er nicht mal ein Spiel in der Premier League gespielt, da Leeds in diesem Sommer erst aufgestiegen war.

Er habe ihr ein iPad geschenkt und sie wusste mehr über seinen Verein, als er selbst. Leider erlebt sie nicht mehr mit, dass der Enkel in der Europameisterschaft spielt. Sie verstarb im Februar 2021. Als England den Einzug ins Finale geschafft hatte, rannte Phillips zu der Tribüne, auf der seine Familie saß, und zog sich ein Trikot mit der Aufschrift „Granny Val“ über.

Am Vatertag feiert er die Mutter

Sein Vater hingegen sei nie wirklich da gewesen, berichtet er gegenüber der „Times“. Er fahre jeden Tag an dem Gefängnis in Leeds vorbei, in dem er einsitzt. „Wir telefonieren alle paar Wochen mal. Ich war auch ein paar Mal im Gefängnis, aber ich gehe ihn dort nicht gerne besuchen und telefoniere lieber“, meint er weiter.

Sein Vater sei aber sehr stolz auf ihn und großer Leeds-Fan. Als Kalvin Phillips mit Leeds im letzten Sommer in die Premier League aufstieg, soll ihn sein Vater angerufen haben, während die gemeinsamen Insassen die Hymne „Marching On Together“ des englischen Vereins im Hintergrund sangen. Am Vatertag, da feiert er jedoch seine Mutter Lindsay, weil sie stets beide Rollen übernommen hatte. 

Kalvin Phillips hat einen kleinen Kreis

Durch seine schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit halte er seinen Freundes- und Bekanntenkreis lieber klein. Mit seiner Freundin Ashleigh Behan ist der Kicker schon seit elf Jahren zusammen. „Wir haben uns in der Schule kennengelernt“, berichtet Philips und ergänzt: „Seitdem sind wir jeden Tag zusammen. Ich möchte niemanden sonst kennenlernen, weil wir uns so nahe sind. Ich halte meinen Kreis sehr eng und neue Menschen auf Distanz.“

Kalvin Phillips ist im Leben wie auch im Fußball ein Kämpfer. Das sehe man seinem Stil auch an, meinen Experten. „Das alles ist nicht von Gott gegeben, sondern hart erarbeitet“, sagt der Kicker zur „Times“. Eine Weisheit die er von seiner Oma gelernt habe: Wenn man nur hart arbeite, dann könne man alles erreichen.

Das einzige, was Phillips noch fehlt, ist ein Tor zu dieser EM. Immer wenn er trifft, dann küsst er ein Tattoo auf seinem Arm und zeigt mit dem Finger gen Himmel. Er widmet die Tore seiner Drillingsschwester Lacreasha, die nur wenige Monate nach der Geburt verstarb. Wer weiß: Vielleicht darf Kalvin Philipps beim Finale gegen Italien diese Geste zeigen – und dann wird er zum wahren Held Englands.

Quelle:  „The Times“

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