Am 7. Februar 1962 kommt es im saarländischen Völklingen im Bergwerk Luisenthal zu einer Katastrophe. 299 Bergleute verlieren bei einer Schlagwetter-Explosion ihr Leben. Die Ursache für das bislang schwerste Grubenunglück in der Geschichte des Saar-Bergbaus ist bis heute nicht geklärt.
Es ist ein nasskalter Mittwochmorgen, der 7. Februar 1962, als sich an der Grube Luisenthal in Völklingen die Arbeiter der Frühschicht im Nieselregen gegen 6 Uhr auf den Weg zu ihrem 600 Meter tiefen Arbeitsplatz machen. Die Gemeinde im Saarland ist bekannt für die Kohleförderung und ihr besonders methanreiches Steinkohlebergwerk. Schon mehrfach ist es auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit ausgezeichnet worden und das letzte Grubenunglück liegt schon 41 Jahre zurück. Allerdings gilt die Grube als sehr anfällig für Schlagwetter-Explosionen.
Infobox Schlagwetter-Explosion
Zu einer solchen kommt es gegen 7.45 Uhr im Alsbachschacht, einem von vier Seilfahrtschächten. Der dumpfe Knall ist kilometerweit zu hören. Unter der Wucht der Detonation fliegt der Schachtdeckel hoch und verkeilt sich in der Verstrebung des Schachtgerüstes. Sofort wabert eine dicke schwarze Rauchwolke über dem Förderturm. Die Arbeiter unter Tage haben kaum eine Chance, der Feuerwalze zu entkommen, die in sekundenschnelle durch das Alsbachfeld schießt. Die Druckwelle lässt bis zu 100 Meter lange Streben einbrechen, reißt schwere Eisentüren aus ihrer Verankerung und schleudert sie einfach weg. Selbst Bergleute, die in größerer Entfernung vom Explosionsort arbeiten, werden von der Druckwelle meterweit durch die Gänge geschleudert.
61 Kumpel überleben das Grubenunglück von Luisenthal unversehrt
Von den 411 dort arbeitenden Kumpel entkommen wie durch ein Wunder 61 völlig unversehrt. Kurz nach dem Unglück treffen die ersten Rettungskräfte auf dem Zechengelände ein. Dann finden sich – angelockt von den Sirenen, Martinshörnern und Hubschrauber-Rotoren – auch die ersten Familienangehörigen am Unglücksort ein.
STERN PAID 39_21 Braunkohle Aktivisten 15.15
Ein Überlebender berichtet einem TV-Sender, wie er sich flach auf den Boden warf, nachdem er den Knall hörte: „Ich hab‘ noch die Hände vors Gesicht gehalten und als ich kurz die Augen aufgemacht habe, hab‘ ich nur hell gesehen. Das war die Flamme.“ Schließlich sei ein Kumpel an ihm vorbeigelaufen, dessen Gesicht völlig verbrannt war. Bei einem anderen habe die Hose gebrannt: „Den habe ich dann gelöscht.“
Grubenunglück fordert 299 Menschenleben
Zunächst ist von elf Todesopfern die Rede. Doch binnen 24 Stunden steigt die Opferzahl auf 240. Ein Dutzend der insgesamt 73 Verletzten verstirbt im Krankenhaus. Am Ende hat das Grubenunglück 299 Menschenleben gefordert. Das älteste Opfer ist 59, das jüngste gerade mal 16 Jahre alt.
Fotostrecke Das Grubenunglück von Luisenthal
Drei Tage nach dem Unglück, das als schwerstes in die Geschichte des Saar-Bergbaus eingeht, werden in einer Parkanlage am Rande der Zeche 287 Särge aufgebahrt. Um sie herum versammeln sich rund 5000 Trauergäste, um Abschied von den toten Bergleuten zu nehmen. Unter ihnen auch Bundespräsident Karl Heinrich Lübke. Rundfunk und Fernsehen ändern ihr Programm. In ganz Deutschland hängen die Fahnen auf Halbmast. Der damalige Ministerpräsident, Franz-Josef Röder (CDU), spricht von einem „rabenschwarzen Tag für den saarländischen Bergbau und die Bevölkerung“. Von US-Präsident John F. Kennedy bis Papst Johannes XXIII. reicht die Liste der Absender der vielen Beileidstelegramme.
Ursache für die Katastrophe bleibt unklar
Doch wie konnte es zu einer Katastrophe solchen Ausmaßes überhaupt kommen? Fakt ist: Das Grubengas (Methangas) hatte sich mit Luft zu einem explosiven Gemisch entwickelt. Ein einziger Funke genügte, es zu entzünden.
Die Bergbehörde listet in ihrem amtlichen Untersuchungsbericht 72 Verstöße gegen die Sicherheitsbestimmungen auf. Wichtigste Mängel: Gasansammlungen wurden nicht beseitigt, möglicherweise wurde unter Tage geraucht, eine Wetterabteilung war überbelegt, es fehlten Gesteinsstaubsperren, andere waren in mangelhaftem Zustand. Zu dem Ergebnis, dass die unvorschriftsmäßig eingerichteten Gesteinsstaubsperren ein wesentlicher Bestandteil des Ausmaßes der Katastrophe waren, kommt auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des saarländischen Landtags.
Prozess endet mit Freisprüchen
Gesteinsstaubsperren sind Bretter unter der Firste einer Strecke, auf denen feinster unbrennbarer Gesteinsstaub mit bergpolizeilich exakt vorgeschriebenen Eigenschaften aufgehäuft wird. Sie dienen als Schutz gegen die Ausbreitung fast aller Kohlenstaubexplosionen. Die Druckwelle verteilt den Staub gleichmäßig im Streckenquerschnitt und vernichtet die zur Fortpflanzung der Explosion notwendige Strahlungsenergie der glühenden Kohlenstoffteilchen. Die Folge: Die Flamme erlischt.
13 Verantwortliche werden angeklagt und müssen sich vor dem Landgericht Saarbrücken einem achtwöchigen Prozess stellen. Für alle endet er mit einem Freispruch. Die Ursache für das Unglück ist bis heute ungeklärt. Vermutungen darüber, dass ein Bergmann verbotenerweise unter Tage geraucht hatte oder eine defekte Bergarbeiterlampe der Grund für die Explosion waren, konnten nie bewiesen werden.
Der deutsche Kohlebergbau nimmt das Unglück von Luisenthal zum Anlass, die Sicherheitsvorkehrungen immer von neuem zu verbessern. Ein Jahr nach der Explosion wird ein Mahnmal vor dem Zechentor errichtet. Noch heute wird alljährlich an das Unglück erinnert.
Quellen: Bundesarchiv, Saarländischer Rundfunk, ARD, DPA, voelklingen-im-wandel.de, dasunglueckvonluisenthal.de.tl
Posts aus derselben Kategorie:
- Fußgängerin von Bus überrollt und lebensgefährlich verletzt
- Tödliches Unglück: Nach Explosion: Illegaler Waffenbesitz des Hauseigentümers?
- Corona-Inzidenz im Saarland sinkt
- Schwere Schäden durch Hochwasser im Saarland – Scholz sichert Unterstützung zu
- 18-Jähriger stirbt nach Zünden von Böller im rheinland-pfälzischen Koblenz